5 Kilogramm Zeit bitte!

Der frühe Vogel hat mehr Zeit

Sonntag Morgen, 7 Uhr, im Haus ist es ruhig, alles schläft noch. Ich bin früher Frühaufsteher, immer schon, ich bin also schon geraume Zeit wach. Alle morgendlichen Pflichten habe ich bereits erledigt. Da begehe ich den ersten Fehler: Ich denke, ich habe Zeit. Und darauf folgt gleich Fehler Nummer zwei: Ich wiege mich in Sicherheit.

Also werde ich mutig, fahre den Laptop hoch und setze mich gemütlich, bei einer Tasse Tee, auf die Couch, Beine hoch und beginne Ideen für meinen nächsten Blogeintrag festzuhalten. Das Thema habe ich schon lange im Kopf und ein vielversprechendes Text- und Gedankengerüst steht bereits. Ich möchte meine Gedanken und einige Aspekte zur gesunden Ernährung bei Kindern festhalten. Die einleitenden ersten Sätze sprudeln dementsprechend auch munter aus meinem Gehirn heraus, in meine Fingerspitzen und über die Tastatur auf den Bildschirm. So darf es gern weiter gehen.

Teetasse

So ein Blogartikel darf nicht langweilig und trocken sein. Und da ich meinen Leser nicht nur mit den mir eigenen speziellen Gedanken überfordern möchte, recherchiere ich nebenbei im WWW, um etwas Handfestes, Stichhaltiges in den Text einzubringen oder wenigstens andere, bekanntere Persönlichkeiten mittels Zitaten oder Aussagen zu Wort kommen zu lassen.

Während ich so entspannt durch das Internet stöbere, vernehme ich leises Rumoren in der oberen Etage und zucke bereits innerlich zusammen. Dann Stille... Vielleicht doch Fehlalarm und es hat sich nur jemand schwungvoll im Bett umgedreht. Also weiterlesen... Aber dann folgt wenige Sekunden später ein mir zu gut bekanntes Geräusch: Das leise Quietschen der Kinderzimmertür. Kurz darauf das "schleichende" Stapfen die Treppe hinunter und schon steht sie neben mir: Die zweite und jüngste Frühaufsteherin des Hauses. 

treppauf

Zeiträuber

Und sie steht da nicht nur einfach so, sondern hat gleich 1000 Dinge mitzuteilen. 1. hat sie natürlich Hunger nach einer so langen Nacht. Das heißt für mich definitiv, die gemütliche Zeit auf der Couch ist dahin. 2. schlafen ja alle anderen noch, es ist also niemand zum spielen da, sie möchte (Vorsicht Schleichwerbung) "Paw Patrol" auf dem Fernseher gucken. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass eine Vorschulkinderserie so süchtig machen kann. Jedenfalls kenne ich das von unseren Großen nicht. 3. hat sie dann noch Durst und 4. beginnt nun die Fragestunde: "Mama, was machst du da am Computer?", "Warum musst du IMMER am Computer arbeiten?", "Ist das für den Kindergarten?", "Wann gibt es Frühstück?", "Darf ich raus in den Garten?" (es ist immer noch nicht einmal 8 Uhr!!!), "Was machen wir heute?", "Darf ich zu ...?"... und meistens folgt am Ende die ein oder andere Kontrollfrage an mich: "Hast du meine Jacke ENDLICH fertig genäht?" (weil jetzt ist ja schon ewig Frühling und wenn ich noch länger daran nähe, braucht sie die gar nicht mehr, denn dann ist bereits Hochsommer) Und momentan auf ihrer Prioritätenliste ganz weit oben: "Hast du schon mit meinem Ohrenanzug angefangen?" (zur Erläuterung: Ich bin zu Ostern gegen ihren Wunsch nicht auf den KapuzemitHasenohrennähenZug aufgesprungen, musste ihr aber im Gegenzug hoch und heilig versprechen, ihr einen Jumpsuit mit Kapuze und langen Ohren zu nähen. Den möchte ich sehen, der bei 4 jährigen Kulleraugen da Nein sagt.)

Kapuzenjacke

"... wenn ich Zeit habe..."

Und so begehe ich nun schon den dritten Fehler dieses entspannten Sonntages. Ich sage zu ihr den Satz, den ich momentan am meisten bei mir verabscheue: "Das mache ich, wenn ich Zeit habe."!

Ein so kurzer Satz und doch steckt so viel Widerspruch und Fehlerhaftigkeit darin, dass es mir jedesmal sofort leid tut, wenn ich ihn ausgesprochen habe.

An Zeit fehlt es uns vor allem dort, wo es uns am Wollen fehlt.

(Ernst Ferstl)

Zeit für Recherche

Seit geraumer Zeit (da ist sie wieder) stellt sich mir dabei immer öfter die Frage: Wieviel Zeit hat der Mensch überhaupt? Oder, noch viel philosophischer: Kann man Zeit wirklich "haben"?

Wenn ich bei der großen Suchmaschine mit G das Wort "Zeit" eingebe, erscheint zuerst der Verweis auf die bekannte Zeitung Zeit. Also gut, diese "Zeit" kann man tatsächlich haben und auch gern soviel man möchte davon - es soll sogar heute noch Leute geben, die Zeitungen in Papierform sammeln und liebevoll aufbewahren.

Zeitungsstapel

Aber schon das zweite Suchergebnis präsentiert mir den Versuch einer Definition von Zeit. Laut Wikipedia ist die Zeit vieles: "eine physikalische Größeneinheit", "Aus einer philosophischen Perspektive beschreibt die Zeit das Fortschreiten der Gegenwart von der Vergangenheit kommend und zur Zukunft hinführend. Nach der Relativitätstheorie bildet die Zeit mit dem Raum eine vierdimensionale Raumzeit..." Das sind doch schonmal viele schöne Ansätze und genug Anregungen für die ganz persönliche Definition von Zeit.

In meinem oben geäußerten Satz, laut dem ich sofort losnähe, wenn ich die Zeit dafür habe - sprich: Eine Tüte voll 5 Kilogramm Zeit in meiner Hand ruht - muss die Zeit wirklich eine messbare, physikalische Größe sein. Wie könnte ich sonst behaupten, sie zu haben? Philosophisch betrachtet, erscheint es mir aber sehr fragwürdig, Zeit besitzen zu können. Denn Zeit kann ich nicht anfassen. Sie ist, wie der Raum, einfach da, allgegenwärtig und für Jeden in diesem Moment gleich viel und wenig. Ich komme daher mit mir selbst immer öfter überein folgenden Unterschied zu machen: Ob ich Zeit HABE, ist gar nicht die Frage, sondern wann und wieviel Zeit ich mir wofür NEHME.

Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.

(Lucius Annaeus Seneca)

Zeit für Kinder

Zeit nutzen

So ein kleines Wort macht viel aus. Klar habe ich Zeit. Bin ich Pessimist, viel zu wenig davon. Bin ich Optimist, unendlich viel. Beeinflussen können beide es nicht. Was ich in der mir gegebenen Zeit anstelle, macht aber mein Leben aus. Und dafür bin ich selbst verantwortlich. Dementsprechend nehme ich mir mehr Zeit für die Dinge, die mir wichtig sind, mir Freude machen und mich glücklich. Und weniger Zeit bleibt für das, was eben so sein muss und zum Überleben dazu gehört.

In die erste Kategorie gehört alles, was meine Kinder betrifft. Und nun komme ich langsam aber sicher zurück zu den Hasenohren und der Frage, wann ich für das Nähen Zeit haben werde. Manchmal fühle ich mich leider auch wie das Kaninchen von "Alice im Wunderland" - "keine Zeit, keine Zeit..." und immer das Gefühl zu spät zu kommen oder etwas erledigen zu müssen. Dann muss ich mich selbst ermahnen und an den Hutmacher denken: "Frau Zeit hat nämlich was dagegen, geschlagen oder gehalten zu werden. Aber wenn du dich mit ihr gut verstehst, macht sie mit der Uhr fast alles, was du willst." Ich halte dann inne, besinne mich wieder auf die wichtigen Dinge im Leben und schaue, wann ich mir die Zeit nehmen kann, die mich und andere glücklich macht.Ich behandele die mir gegebene Zeit sozusagen liebevoll in der Hoffnung, sie dadurch vermehren oder wenigstens länger erscheinen lassen zu können.

Sanduhr

Und so nehme ich mir einfach ab und an ein Stück vom Glück, setze mich an die Nähmaschine und vertraue auf die Unendlichkeit und den Fluss der Zeit. Dabei kann ich entspannen. Sobald die Maschine schnurrt, verschwindet die Gehetzheit des Alltags und vom Kaninchen bleiben eben nur noch die Ohren übrig. Du kannst Dir vielleicht gar nicht vorstellen, wie schön es ist, so ein paar unförmige Stoffteile und fusselige Gebilde zusammen zu setzen und bereits das Ergebnis vorgefreut vor Augen zu haben. Apropos Ergebnis: Von dem oft erwähnten Ohrenanzug gibt es bislang nur einen Entwurf mit Stoffvorstellungen in meinem Kopf. Woher Zeit nehmen und nicht stehlen? Ich bin ja froh, dass ich die Frühlingsjacke noch vor dem Hochsommer fertig stellen konnte.

Nähmaschine

Raum und Zeit ... Alles ist relativ

Auf den Boden der Tatsachen holt mich dann leider auch all zu oft Professor Einstein und seine Feststellung, dass Zeit relativ ist, zurück. Denn gerade wenn ich im größten Näheifer bin und der Versuchung erliege zu glauben, dass ich unendlich viel Zeit habe. Wenn es richtig gut läuft und ich relativ gut in der Zeit liege. Wenn die nächste Mahlzeit noch nicht vorbereitet werden muss und keine Haushaltspflichten drängen. Ja, gerade dann dringt aus den oberen Etagen ein forderndes Telefonschrillen (welches sich in 90 % der Fälle sowieso als Werbeanruf entpuppt) oder - noch viel dringlicher - ein mehr oder weniger zartes Stimmchen zu mir in mein Nähkellergewölbe herunter und ruft 

"MAMA, KANNST DU MAL..."

 

Ich finde: Jeder der Kinder hat, sollte sich relativ viel Zeit für sie und mit ihnen nehmen!!!

Mit Kindern

Nimm Dir all die Zeit, die Du für Dein Glück brauchst!

 

Dein Querk(n)opf

 

 

Quellen:

Kommentare

Anne (nicht überprüft)

Guten Morgen,

es gibt da so einen wundervollen kleinen Satz, den ich mir auch immer wieder vor Augen führen muss: "I can do anything, but not everything". Da ist so verdammt viel Wahres dran!
Auch wenn es so aussieht, als wären am Ende des Tages wieder so viele Dinge unerledigt geblieben und als würde man dauernd unterbrochen werden - unterm Strich finde ich es viel sinnvoller auf das zu schauen, _was man alles getan und geschafft hat. Und Zeit mit der Familie ist niemals vergeudete Zeit, finde ich.

Liebe Grüße
Anne von https://vom-landleben.de

Kerstin Cornils (nicht überprüft)

Oh ja, die Liebe Zeit. Von der Zeit kann man nie genug bekommen. Gerade beim Schreiben am Laptop finde ich vergeht die Zeit wie im Fluge. Mal eben einen Blogbeitrag vorbereiten dauert dann gerne mal schon zwei Stunden. Weil ich noch hier und da Sachen recherchiere und dann an einem neuen Kommentar auf meiner Seite hängenbleibe.
Ich habe inzwischen mir Zeitfenster für den Blog geschaffen. Sonntag morgens schreibe ich in der Zeit, in der mein Mann am liebsten in der Badewanne liegt. Dann darf er dort auch gerne ein paar Stunden verbringen. So sind wir beide glücklich und machen was uns gefällt. Und können da nach ganz entspannt einen Sonntagsspaziergang machen.
Ich finde man sollte die Zeit, die man hat so gut wie möglich nutzen. Ein Kunde in der Apotheke hat mir schon des öfteren gesagt: Sie sind noch Jung, schauen sie sich jetzt die Welt an. Wer weiß ob sie das im Alter noch können. Machen sie jetzt wo zu sie Lust haben. Später ist es vielleicht zu spät.
In diesem Sinne nehme ich mir die Zeit für mich, für meinen Mann und meine Leidenschaft das Schreiben. Und wenn dann vielleicht mal ein bisschen Staub in der Wohnung liegt ist das so.
LG Kerstin

Tabea (nicht überprüft)

Dass mit der Zeit ist echt so eine Sache - ich schwanke immer zwischen "Ich hab keine Zeit" und "Ich habe immer Zeit." :D
Denn manche Dinge sind eben so unwichtig, dass ich nie Zeit habe. Wenn es allerdings um Menschen geht, nehme ich mir inzwischen immer öfter Zeit.

Aber du hast Recht: Wer Kinder hat, der muss sich Zeit für sie nehmen. Ich denke jetzt noch gern an die Tage, an denen ich mit Mama zusammen reiten war - immerhin 5-7 Tage die Woche! Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Liebe Grüße

quermin

Dein Satz trifft voll ins Schwarze bei mir. Es ist schön zu wissen, dass ich alles mögliche tun könnte. Aber noch schöner (und für mich wichtiger) ist es zu sehen und am eigenen Leib zu spüren, dass meine Kinder glücklich sind. Darum nehme ich mir gern Zeit für sie.
Danke für deinen Besuch bei mir und den Satz merke ich mir!
LG Querk(n)opf

quermin

Bei der Badewanne musste ich schmunzeln. Hier bin ich immer die Planschtante, die stundenlang im Wasser vor sich hin schrumpft.

Aber das mit dem Laptop und der Arbeit am Blog kann ich voll und ganz bestätigen. Ich muss da immer aufpassen, dass ich nicht zu sehr dran hängen bleibe. Zeiten zuteilen hilft bei mir nicht. Ich denke dann immer "Ach, noch schnell das hier beenden...". Leider ist schnell oft sehr laaaaange.

Danke dir, dass du wieder hier warst!

LG Querk(n)opf

quermin

Ich finde es schön, dass du das mit deiner Mama erwähnst. Du bist ja von uns Allen noch am "nächsten" dran. Ich hoffe irgendwie, meine Kinder denken später auch gern an unsere gemeinsamen Zeiten zurück.

Schön dass du wieder hier warst!

LG Querk(n)opf

Linni - ombidombi.de (nicht überprüft)

Moin Quer(k)nopf,

mein Lieblingszitat zum Thema Zeit ist dies von Cicely Saunders:

„Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“

Jeder Mensch HAT gleich viel Zeit, 24 Stunden, 7 Tage die Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. (Nur wie viele Jahre wir insgesamt haben, wissen wir nicht.) Entscheidend ist, was wir damit anfangen, wofür uns also die Zeit NEHMEN, was wir damit anfangen.

Ich gehöre zu der Sorte Mensch, die zwischen aktiven Phasen immer auch "Ruhepausen" einlegen muss, das brauche ich zum "sacken lassen" oder vornehmer ausgedrückt zum Reflektieren und Nachdenken. Trotzdem höre ich oft, "du machst aber viel". Und dann denke ich, naja, vielleicht mach' nicht ich viel, sondern du wenig?

Wenn ich einem Menschen sage: "ich habe keine Zeit" - dann bedeutet das in meinen Augen "ich habe keine Zeit für dich", weil mir gerade etwas anderes wichtiger ist. Ich versuche jedenfalls, meine Prioritäten sinnvoll zu setzen. Notwendige Pflichten/Arbeit sind das eine, aber wenn man dann mitbekommt, dass Zeit genug für sämtliche Folgen von Serie xy ist, dann zieh ich eine Augenbraue hoch und denk' mir meinen Teil. :) Problematisch wird es halt dann, wenn Arbeit und Pflichten zuviel Zeit beanspruchen, dann muss man sorgfältig Prioritäten setzen.

Ich hab fünf Kinder, die ganz oben auf meiner Prioritätenliste stehen. Das ist aber nicht gleichbedeutend mit Selbstaufgabe und Springen, wenn ein Kind pfeift (okay, meine sind zum Glück aus dem Kleinkindalter raus, aber als sie Babys und Kleinkinder waren, war das Springen eine Notwendigkeit). Wichtig war für mich im Laufe der Jahre das "Nein sagen" zu lernen oder mich dem "Super-Mutter-Wettbewerb" zu entziehen. Von mir gibt es für das Schulbuffet keine Torte, für die ich drei Tage in der Küche stehe, sondern 'nen fixen Rührkuchen. Und sieh mal einer guck, der wird auch immer aufgefuttert. - Ich nähe nicht, ich stricke, und wenn ich den Kurzen ihre Wunschsocken stricke, dann können wir dabei zusammen auf dem Sofa hocken, das funktioniert beim Nähen ja leider nicht wirklich. Aber gerade, wenn du dem Kind ein Wunschteil nähst, ist es ja auch Zeit, die du in dein Kind "investierst". Achja, die Ökonomisierung von Zeit: da fällt mir direkt "Momo" von Michael Ende ein... Kluges, schönes Buch. :)

Um zum Anfang zurückzukommen: Wenn meine Zeit irgendwann abgelaufen ist, dann möchte ich möglichst wenig bereuen müssen. Ich bin nur ein Mensch, ich habe viele Fehler gemacht und da kommen sicher noch einige dazu. Aber ich habe verinnerlicht, dass Menschen auf dem Sterbebett bereuen, was sie NICHT gemacht haben, nicht das, was sie gemacht haben. Also will ich die mir zur Verfügung stehende Zeit gut nutzen - und zwar jetzt, denn ich weiß nicht, ob mir morgen schon vielleicht der Himmel auf den Kopf fällt.

LG aus Peking - Linni

quermin

Sehr schöne und wahre Worte.

Dem von dir erwähnten "Super-Mutter-Wettbewerb" unterlag ich gottseidank noch nie. Und ich denke auch, je mehr  Kinder man hat, umso mehr bemerkt man, wie unwichtig viele Dinge sind.

An das Ende meines Lebens denke ich nicht. Das wird früher oder später da sein und dann ist es gut so. Für mich zählt nur, was hier und jetzt ist und nur das kann ich beeinflussen und darum nehme ich mir all die Zeit, die die guten Dinge brauchen.

Dankeschön für deinen sehr persönlichen Kommentar!

Viele Grüße vom Querk(n)opf